Torsten Reinwald
Pressesprecher
E-Mail: pressestelle@
jagdschutzverband.de
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19.06.2013, 15:34 Uhr
10. Dezember 2007 (Frankfurt)
Wenn putzige Wildschwein-Babys mitten im November durch Hessens Wälder toben, ist das kein gutes Zeichen: Sie sind noch viel zu klein für die winterliche Notzeit. In der Regel kommen Frischlinge im Frühjahr zur Welt und haben genug Zeit, sich für ihren ersten Winter Speck anzufressen. Die Streifen sind dann längst herausgewachsen, und die Tiere haben das charakteristische dunkelgraue Borstenkleid. Dass in diesem Herbst noch Gestreifte unterwegs sind, liegt an der aus den Fugen geratenen Sozialstruktur der Tiere und ist Zeichen einer explosionsartigen Vermehrung. Der Landesjagdverband beklagt «die desolate Situation in den Schwarzwildrotten». Fehler bei der Jagd haben dazu beigetragen.
Normalerweise sorgen erfahrene weibliche Tiere, sogenannte Leitbachen, nicht nur für Ordnung in der Rotte, sondern auch für die Geburtenkontrolle. Ihre Hormone bestimmen die Empfängnisbereitschaft aller erwachsenen Weibchen in der Gruppe – in der Regel im Dezember/Januar – und verhindern, dass zu junge Tiere befruchtet werden. Erwachsene männliche Tiere (Keiler) statten den Rotten nur kurze Besuche ab, um sich zu paaren. Knapp vier Monate später werden die Frischlinge geboren. Wenn die Leitbachen fehlen, weil sie bei der Jagd oder bei Unfällen getötet wurden, löst sich diese natürliche Ordnung auf. Junge Bachen sind dann schon mit weniger als einem Jahr empfängnisbereit und bekommen Frischlinge, einen Zeitplan gibt es nicht mehr. Folge laut Jagdverband: «Unkontrollierbare Vermehrung». Dies gilt vor allem bei günstigem Wetter und guter Ernährungslage. Wildschweine sind Allesfresser, sie mögen Mais ebenso gerne wie Bucheckern und Eicheln, dazu nehmen sie tierisches Eiweiß in Form von Würmern und Engerlingen, die sie mit ihren Schnauzen aus dem Boden wühlen. Auch Mäuse fressen sie, wenn sie sie erwischen. Dieses Jahr war Hessen ein Schlaraffenland für die Wildsauen: Der Winter war mild, das Frühjahr warm und trocken, die wachsende Zahl der Maisfelder bescherte nicht nur gute Verstecke, sondern auch Nahrung im Überfluss, und im Herbst haben die Eichen überreichlich Früchte getragen. Die Tiere dringen immer häufiger in Ortschaften vor, sie pflügen Golfplätze und Gärten um – leicht erreichbares Futter bieten auch Mülltonnen. In Frankfurt suchen die Wildschweine regelmäßig Grundstücke am südlichen Stadtrand heim. Auf einem Spielplatz rettete sich kürzlich eine Mutter mit ihren Kindern vor einer Bache auf ein Klettergerüst. Jugendliche hatten das Tier mit Reizgas besprüht und aggressiv gemacht. Es bezahlte seinen Auftritt auf dem Spielplatz schließlich mit dem Leben – ein Polizeibeamter erlegte es. Abhilfe könne nur scharfe Bejagung des Schwarzwilds schaffen, sagt LJV-Geschäftsführer Peter Boettcher. Vor allem junge Tiere müssten intensiv gejagt werden, die Leitbachen dagegen seien unbedingt zu schonen. Im vergangenen Jagdjahr (April 2006 bis März 2007) wurden in Hessen knapp 30 000 Wildschweine zur Strecke gebracht, fast 2000 wurden Opfer des Straßenverkehrs. In der vorangegangenen Saison waren noch mehr als 55 000 Wildschweine zur Strecken gebracht worden. Starke Schwankungen sind laut DJV normal und meist abhängig von den Wetterbedingungen. Anfang 2006 erlagen viele Frischlinge der feuchten Kälte. 2001/2002 war die bisher größte Zahl von Wildschweinen in Hessen erlegt worden: mehr als 73 000. Auch die Landesregierung dringt auf intensive Jagd. Jungtiere bis zu einem Alter von etwa einem Jahr haben keine Schonzeit, wenn sie nicht schon selbst Junge versorgen müssen. «Die soziale Ordnung muss eingehalten werden, sie ist der Schlüssel zum Erfolg», sagt Karl Apel vom Umweltministerium. Möglichst viele Wildschweine zu erlegen, ist auch das Interesse der Jäger. Den Schaden, den die Tiere auf Äckern und Wiesen anrichten, müssen sie den Landwirten nämlich ersetzen. Wo viel Mais angebaut wird, seien die Reviere schon jetzt kaum mehr zu verpachten, weil die Jäger hohen Wildschaden fürchteten, sagt LJV- Geschäftsführer Boettcher. Wenn Hessen wie geplant den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2015 auf 15 Prozent erhöhe, könnte auf einem Drittel der hessischen Ackerfläche Mais angebaut werden und die Lage noch schlimmer werden. Wildschweinjagd ist allerdings schwierig: Die intelligenten Tiere verstecken sich tagsüber in dichtem Gestrüpp, oft direkt neben Waldwegen. Nur bei stockfinsterer Nacht gehen sie auf Nahrungssuche. Jäger dürfen sie mit kleinen Mengen Mais anlocken, damit sie überhaupt zum Schuss kommen. Einzige Lösung seien sogenannte Drückjagden, sagt Boettcher. Dabei werden die Tiere tagsüber mit Lärm und Hunden aus ihren Verstecken «gedrückt», draußen stehen mehrere Jäger bereit – so können gleich mehrere erlegt werden.

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