21.05.2013, 10:43 Uhr
Wenn die Temperaturen fallen, herrscht mancherorts Hochstimmung: Von November bis Januar ist die Paarungszeit der Wildschweine – die so genannte Rausche. Dann streiten die männlichen Tiere um die Gunst der Damen. Milde Winter und ein reichhaltiges Nahrungsangebot haben Deutschland einen starken Anstieg der Wildschweinbestände beschert. Die Jägerschaft sorgt durch eine intensive Bejagung dafür, dass Schäden in der Landwirtschaft minimiert werden.
Bei den Wildschweinen bestimmt Frau, wo es lang geht: Die Rotte – der Familienverband – ist für gestandene Mannsbilder fast das ganze Jahr tabu. Als Einzelgänger streifen sie durch das Unterholz. Erst wenn die Leitbache – die tonangebende Wildsau im Verband – zwischen November und Januar Lust auf Schweinkram bekommt, reibt sie ein erregendes “Elixier” aus Sexualduftstoffen (Pheromonen) an jeden Baumstamm in der Nähe. Ihre Paarungsstimmung überträgt sich auf die ganze Rotte. Und die männlichen Wildschweine – die Keiler – nehmen diese Einladung gerne an. Von weit her reisen die sonst verschmähten Liebhabe, auf der Suche nach paarungsbereiten Wildschweindamen.
Foto: Siegel
Die Lust auf Schweinkram ist bei den Keilern ständig vorhanden – nur dürfen sie eben so gut wie nie. Nicht verwunderlich also, dass die bis 200 Kilogramm schweren Männchen vehement um die Gunst des weiblichen Geschlechts streiten. Starke, erfahrene Keiler verjagen jüngere Konkurrenten durch schlichte Drohgebärden, beim “Schulterstemmen” geht es schon etwas ruppiger zur Sache. Zu einer lautstarken und lang anhaltenden “Keilerei” kommt es, wenn zwei gleich starke Kontrahenten aufeinander treffen. Mit ihren mächtigen Eckzähnen des Unterkiefers – auch Hauer oder Gewehre genannt – fügen sich die Männchen oft blutige Wunden zu. Zu tödlichen Verletzungen kommt es allerdings selten. Die gefährdeten Körperpartien vom Halsansatz bis zur letzten Rippe sind bei Keilern durch eine vier bis fünf Zentimeter dicke Schwarte geschützt.
Der siegreiche Keiler hält die männlichen Artgenossen von nun an von den rauschigen Damen oder sogar von der ganzen Rotte fern. Mit den umworbenen Bachen geht er wesentlich zärtlicher um als mit seinen Gegenspieler. Vor dem eigentlichen Liebesakt erfolgt ein ausgiebiges Vorspiel. Der Keiler verfolgt die Bache unaufhörlich, mit dem Rüssel boxt und massiert er dabei den Rücken der Auserwählten. Während des eigentümlichen Rituals stößt der Schweinemann rhythmische Grunzlaute aus, die in den Ohren einer Bache wie Liebesgesang klingen und den so genannten Duldungsreflex auslösen: Sie bleibt ruhig stehen, damit er zur Paarung schreiten kann.
Gegen Ende der Rauschzeit sind die Keiler von Rivalenkämpfen und Liebeswerben stark gezeichnet und suchen schließlich das Weite. Natürlich nur, bis das Weib im kommenden Jahr wieder lockt.
Im März und April bekommen die meisten Bachen nach einer vergleichsweise kurzen Tragezeit von rund 120 Tagen ihre Jungen – die Frischlinge. Vor der Geburt der kleinen, fast nackten Tiere legt die Bache eine Bodenmulde an und polstert diese mit Gras und Zweigen aus. Diesen Wurfkessel heizt sie mit ihrer Körpertemperatur auf 18 Grad Celsius auf. Eine kurzfristige Rückkehr des Winters mit Frost und Nässe kann den vier bis acht gestreiften Frischlingen dann wenig anhaben.
Weil die Wildschweine vom Klimawandel mit milden Wintern profitieren und in unserer Kulturlandschaft wie im Schlaraffenland leben, konnten sie sich in den letzten Jahrzehnten stark vermehren. Besonders Mais, dessen Anbaufläche sich in den letzten 30 Jahren fast verdreifacht hat, wirkt wie ein Magnet auf die anpassungsfähigen Allesfresser.