20.05.2013, 18:20 Uhr
Über 220.000 Rehe, Hirsche und Wildschweine kommen in Deutschland pro Jahr unter die Räder. Tendenz steigend. Ein deutliches Zeichen, dass der Lebensraum von Wildtieren enger wird. Rotwild und Co. stehen in Deutschland angesichts des dichtesten Verkehrsnetzes in Europa und stetig wachender Verkehrsbelastung häufig vor lebensbedrohlichen Barrieren. Der Flächenverbrauch des Menschen von 100 Quadratkilometern täglich versiegelt zudem immer mehr ihres natürlichen Lebensraumes. Besonders das Rotwild – anerkanntermaßen eine Leitart für den für den Erhalt großer, unzerschnittener, verkehrsarmer Räume – leidet hierunter. Querungshilfen wie Grünbrücken ermöglichen es gerade ihnen Lebensraumnetzwerke zu schaffen.
Der Lebensraum unserer größten und wanderfreudigsten heimischen Wildart besteht im Wesentlichen aus 140 sogenannten “Rotwildgebieten”, welche nur noch 15 Prozent des eigentlichen Verbreitungsgebietes umfassen. Baden- Württemberg bildet innerhalb der Bundesrepublik das Schlusslicht, hier wird Rotwild sogar nur auf 4 Prozent der Landesfläche geduldet. Wanderbewegungen zwischen den behördlich festgelegten Rotwildgebieten sind für das Rotwild kaum möglich und seitens der Behörden aus Angst vor Verbiss- und Schälschäden auch gar nicht erwünscht.
Selbst wenn die Hirsche aber von Amtswegen freie Bahn hätten: Verkehrswege von etwa 230.000 Kilometer Länge bilden lebensgefährliche Barrieren für die von Natur aus wanderungslustigen Tiere. Rotwildgebiete haben in Deutschland einen inselartigen Charakter. Austausch findet selten statt. Arttypische Wanderungsbewegungen wie die aus den Mittelgebirgen in die wärmeren Täler im Winter, oder die der Hirsche zur Brunftzeit sind so in vielen Regionen kaum mehr möglich. Nur noch 562 große unzerschnittene verkehrsarme Räume von mehr als 100 Quadratkilometer gibt es in Deutschland. Addiert man diese, entspricht die Fläche nur gut einem Viertel der Bundesrepublik.
Der Flächenverbrauch durch menschliche Siedlungen und Gewerbegebiete ist die zweite große Bedrohung für den Lebensraum des Rotwilds: 100 Hektar pro Tag – das entspricht in etwa 175 Fußballfeldern – werden täglich versiegelt. Der DJV unterstützt die Initiative der Bundesregierung diesen Wert mittelfristig auf etwa 30 Hektar zu reduzieren. Denn Versiegelung ist eines der gravierendsten Probleme für den Schutz und die Erhaltung der Biologischen Vielfalt in Deutschland.Zerschneidung, Versiegelung, Fragmentierung: Hinter diesen technischen Begriffen verbergen sich starke Einschnitte für ein Hirschleben. Die Partnerwahl bleibt häufig auf das Rudel beschränkt. Inzucht und die Verarmung des Genpools sind damit vorprogrammiert, das Überleben des Rothirsches wird langfristig in Frage gestellt.
Solche Horrorszenarien zu verhindern helfen spezielle Querungshilfen wie Grünbrücken – für Wildtiere konzipierte, begrünte Bauwerke über die Straße – Untertunnelungen und Durchlässe. Sie bieten den Wildtieren die Möglichkeit wieder gefahrlos wandern zu können. Als besonders erfolgreiches Konzept haben sich in dieser Hinsicht die Grünbrücken erwiesen, die in Verbindung mit Wildschutzzäunen auch dem Rotwild einen einfachen Zugang zu anderen Lebensräumen ermöglichen. Derzeit gibt es in Deutschland allerdings nur 36 solcher Grünbrücken – das bedeutet eine pro 1.500 Kilometer Straße. Grünbrücken haben noch einen weiteren, positiven Nebeneffekt: Sie senken das Risiko von Wildunfällen – ein Vorteil auch für Mensch und Maschine. Die Zahlen der Wildunfallstatistik sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2006 wurden rund 2.800 Menschen bei einer Kollision mit einem Wildtier verletzt, zehn starben. Über 500 Millionen Euro müssen jährlich die Versicherungen zur Regulierung von Wildunfällen aufwenden.
Der weitere Ausbau solcher Querungshilfen wie Grünbrücken ist daher ebenso ein Anliegen des DJV, wie auch ein mehr wissenschaftlich und weniger ideologisch geprägter Umgang mit dem Rotwild. Große Wildtiere wie der Rothirsch fördern die Artenvielfalt auch, indem sie durch ihre kurzfristigen Störungen wie Vertritt und Verbiss ein reiches Habitatmosaik schaffen. Von diesen “Motoren” der Biodiversität profitieren zum Beispiel mehr als zwei Drittel aller Grashüpferarten in Deutschland, für die eine extensive Beweidung durch Nutzvieh oder Wildtiere erforderlich ist. Für einige von ihnen sind große Pflanzenfresser sogar unmittelbare Lebensvoraussetzung.
Gründe genug also dem Rotwild “Brücken zu schlagen” – im wahrsten Sinne des Wortes ein erfolgversprechendes Konzept!
Auf der Internetseite www.jagdnetz.de steht unter der Rubrik “Aktuelles” “Naturschutz” die Broschüre “Barrieren Überwinden – Praxisleitfaden für eine wildtiergerechte Raumplanung” zum Download bereit. Zudem gibt es dort weitere ausführliche Informationen zum Thema Querungshilfen. Informationen rund um das Thema Rotwild erhalten sie auf der Internetseite www.wildtiere-live.de.