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20.05.2013, 10:15 Uhr
Farbe bekennen und auffallen wie ein bunter Hund – darauf kommt es vielen Menschen an Karneval an. In der Tierwelt gelten jedoch andere Regeln: Hier ist meistens “Sehen und Nichtgesehenwerden” die Devise. Viele Wildtiere setzen statt einer Narren- lieber eine Tarnkappe auf, damit ihre natürlichen Feinde nicht auf sie aufmerksam werden. Buchstäblich eins zu werden mit der Natur ist für sie überlebenswichtig.
Ob Fell, Schuppen oder nackte Haut, Federkleid oder panzerartige Umhüllung – die beste tierische Maskerade ist die, die nicht auffällt. Das beweist eindrucksvoll die Landschnecke Napaeus barquini auf La Gomera. Für die etwa zwei Zentimeter große Schneckenart, die an flechtenüberwachsenen Felswänden lebt, ist Tarnung eine echte Lebensaufgabe. Von Geburt an bastelt – beziehungsweise baut – sie an ihrer Verkleidung: Unermüdlich weidet sie mit ihrem Mund Partikel vom felsigen Untergrund ab und schichtet sie in mühevoller Kleinarbeit auf ihrer Schale auf. Mit der Zeit verschwindet die Schnecke geradezu unter einem richtigen Gebirge aus bizarren Gesteinsbröckchen, das sich perfekt an den Untergrund anpasst.
Doch man muss nicht in die Ferne schweifen, um auf Vertreter der Gattung “tierische Tarnspezialisten” zu stoßen. Auch in unseren Breitengraden sind sie zu finden. Zum Beispiel der Feldhase: Dank seines erdbraunen Fells, das ihn vor feindlichen Blicken schützt, vereitelt er Marder, Wiesel oder Greifvogel oft den (Speise-) Plan. Bei Gefahr kann sich Meister Lampe nicht wie das Kaninchen in einen Bau zurückziehen, sondern duckt sich auf freiem Feld in eine Sasse (Mulde). Ohne tarnendes Fell wären vor allem die Junghasen, die bereits einige Stunden nach der Geburt aus dem Nest flüchten, eine leichte Beute.
Ohne sein hell- und dunkelbraun gestreiftes Fell, mit dem er sich kaum vom Waldboden abhebt, würde auch der Wildschweinnachwuchs schnell einem hungrigen Uhu oder Fuchs zum Opfer fallen. Die Frischlinge, die ab Februar sehend und behaart das Licht der Welt erblicken, verlassen schon bald nach der Geburt den sogenannten Frischkessel immer wieder, um ihre Umgebung zu erkunden. Ihre “Streifenuniform” tragen die Jungtiere etwa drei bis vier Monate, danach färbt sich das Fell allmählich ganz und gar braun. Wenn sich der Farbton des Fellkleides mit dem Lebensalter ändert, bezeichnen Experten das als “morphologischen Farbwechsel”. Draußen bleiben sie dem Auge oft verborgen – drinnen können Naturfreunde dagegen die Tarnstrategie der Wildschweine gut beobachten: an ihrem Computer. Auf www.wildtiere-live.de geben sich Keiler Kalle, Bache Berta und bald auch ihr gestreifter Nachwuchs ein Stelldichein – vor einer Videokamera, die Bilder vom Wildgehege Hellenthal live ins Internet überträgt.
Gleich zwei natürliche Tarnkappen haben die Rehkitze, die schon kurz nach der Geburt im Mai/Juni ihre ersten Schritte machen. Zum einen ihr weiß-geflecktes Fell, das sie vor feindlichen Blicken schützt. Zum anderen tarnen sie sich durch etwas, das sie in den ersten Wochen eigentlich gar nicht haben: Körperduft. Seine natürlichen Feinde können das Rehkitze buchstäblich nicht riechen, denn es kommt ohne Eigengeruch zur Welt. Damit Wildschwein, Fuchs oder Dachs durch sie nicht auf die Spur ihres Nachwuchses kommen, verlässt die Rehmutter ihr Junges nach dem Säugen schnell wieder. Wenn sie mehrere Kitze zur Welt gebracht hat, legt sie diese zudem an verschiedenen Stellen ab.
Ein unscheinbares Äußeres ist auch für bodenbrütende Vögel wie Stockenten wichtig. Vor allem die frisch geschlüpften Jungtiere müssen als Nestflüchter perfekt in der Natur “untertauchen”, um nicht gefressen zu werden – denn fliegen können die im März/April geborenen Vögel erst nach sechs bis acht Wochen. Ihr braun-geschecktes Gefieder hilft ihnen, förmlich mit der Umgebung zu verschmelzen. Doch auch das Nest an sich, das möglichst in Wassernähe angelegt wird, ist ein Meisterwerk der “Verschleierungstaktik”: Die relativ einfach gebaute Behausung wird mit Pflanzengräsern und Federn ausgepolstert. Verlassen die Eltern zur Nahrungssuche das Nest, werden die darin liegenden Eier sorgfältig mit dem Nistmaterial abgedeckt.
Ein echter Profi in puncto Anpassung an die Umwelt ist der Eisbär: Mit seinem weißen Fell taucht das in der Arktis lebende Raubtier perfekt in der Schnee-Masse unter. Gewitzt ist auch die Taktik von Wieseln, Schneehasen und den vor allem in der Tundra lebenden Polarfüchsen. Die Tiere passen ihre Fellfarbe – bis auf den Bauch – an die jeweilige Jahreszeit an: im Sommer braun, im Winter weiß. Diese saisonale “Verwandlung” wird ebenfalls als “morphologischer Farbwechsel” bezeichnet.
Übrigens: Nicht alle Tiere setzen auf die Taktik der sogenannten Mimese, der Verschmelzung mit der Umwelt. Einige Arten schrecken Angreifer lieber mit einem besonders auffälligen Farbenkleid ab. Zum Beispiel die Schwebfliege. Mit ihrem leuchtend gelb-schwarz gestreiften Körper sieht das Insekt aus wie eine Wespe und signalisiert Gefahr – dabei kann sie nicht nur keiner Fliege etwas zuleide tun. Diese Art der Tarnung wird als Mimikry bezeichnet.
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